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Kein Kreuz mehr mit dem Kreuzband

Ganze Woche – 28. Januar 2014, Linz

Ein Stolperer, das Ausrutschen auf glattem Boden oder ein Sturz beim Schifahren. Für das Knie bleiben solche Missgeschicke oft nicht ohne Folgen.

„Kommt es bei Stürzen zu einer Drehung, die den Oberschenkel nach innen und den Unterschenkel nach außen drückt, hält das im Knie sitzende Kreuzband dieser Belastung mitunter nicht stand. Das vordere Kreuzband,  also der zentrale Stabilisator des Kniegelenkes, reißt“, erklärt Dr. Jürgen Barthofer, Kniechirurg im Unfallkrankenhaus Linz (OÖ) und Teamarzt des Österreichischen Skiverbandes.

Dieses Schicksal ereilte vor wenigen Jahren den heute 28jährigen Forstmeister Christian Berlinger aus Oberösterreich. „Ich bin bei der Arbeit im Wald gestürzt und schon war es passiert“, erinnert sich der sportliche Mann. „Es tat ordentlich weh und das linke Knie schwoll sofort an.“ Die ärztliche Diagnose war niederschmetternd, ein Riss des vorderen Kreuzbandes. Vorerst versuchte Berlinger eine Operation abzuwenden, mit Hilfe von Physiotherapie und Muskelaufbau.

Doch die Zeit heilt nicht alle Wunden. Einige Jahre später machte das lädierte Knie wieder auf sich aufmerksam. „Ich hatte zeitweise ein Instabilitätsgefühl  und ständig Schmerzen, auch in der Nacht. An Schlafen war dann nicht mehr zu denken.“ Christian Berlinger suchte Hilfe bei Dr. Jürgen Barthofer. Nach einer gründlichen Untersuchung stand für den Experten fest, dass im instabilen Knie bereits Knorpelschäden entstanden waren. Der Chirurg riet zur Wiederherstellung des vorderen Kreuzbandes.

Das Kreuzband als verdrehtes Faserbündel

Kreuzband-Operationen sind keine Medizin „von der Stange“. Je nach Art der Verletzung sowie Gelenksgröße, Alter und sportlichem Anspruch des Patienten entscheiden sich geschulte Chirurgen für die passendste Technik. Dr. Barthofer wählte eine nach medizinischem Standpunkt junge Form der Einzelbündel-Technik, die „All Inside“-Methode. „Das vordere Kreuzband ist etwa drei bis vier Zentimeter lang und acht Millimeter dick. Es hat eine in sich verdrehte Faserbündelstruktur. Das Ziel ist immer, das Sehnen-Implantat, mit dem das Kreuzband nachgestellt wird, anatomisch richtig zu platzieren. Dabei sollte der Knochenverlust so gering wie möglich sein.“

Der Eingriff schont den Knochen

Im November lag Berlinger auf dem Operationstisch. Ein Kreuzstich machte die Beine für den Eingriff unempfindlich. „Im Gegensatz zur bisher angewendeten Methode wird die Semitendinosus-Sehne, aus der das neue Kreuzband gefertigt wird, nahe der Kniekehle über einen kleinen Hautschnitt entnommen und nicht mehr an der Vorderseite des Schienbeines.“

Für das Einsetzen des „neuen“ Kreuzbandes sind im Anschluss nur wenige Einschnitte rund um das Knie nötig. Mit dünnen Instrumenten dringt der Chirurg in den Gelenksspalt vor. „Bei früheren Verfahren bohrte der Chirurg von außen Tunnel in das Gelenk. Darin fixierte er das neue Kreuzband mit einer Schraube. Bei der neuen Vorgangsweise wird mit Spezialinstrumenten nur noch ein kurzes Sackloch, aber vom Inneren des Gelenkes nach außen gebohrt. In diesen kurzen Gang wird die Sehne platziert und mit Titanplättchen am Oberschenkel und Schienbein optimal gespannt und fixiert. Der Knochenverlust ist geringer und die äußere Knochenschale bleibt fast erhalten. Das geschonte Gewebe bereitet weniger postoperative Schmerzen.“

Das obere Bandende wird besser platziert

Einen weiteren Fortschritt gibt es bei der richtigen Platzierung des neuen Kreuzbandes im Gelenk. „Früher wurde das obere Ende äußerst steil fixiert. Jetzt ist es technisch möglich, dieses Bandende viel flacher und damit anatomisch korrekter zu positionieren“, erläutert der Chirurg. Nach einer Dreiviertelstunde war der Eingriff überstanden. Das Bein musste in den ersten Tagen geschont werden, doch eine Woche nach dem Eingriff lagen die Krücken bereits im Eck. Für Dr. Barthofer war das nicht überraschend. „Das Verfahren ist viel schonender. Die Patienten haben weniger Schmerzen, sind weniger geschwollen und können früher ihren Alltag bestreiten. Nach sechs bis acht Monaten ist die Sehne in den Knochen eingeheilt.“ Nur mit dem Sport muss Christian Berlinger bis in den Sommer warten. „Untätig bin ich aber nicht. Ich trainiere jeden Tag, um Muskeln aufzubauen, und fahre Rad. Alles, damit ich bald wieder in den Bergen klettern kann.“

Große Knie profitieren von zwei Kreuzband-Bündeln.

„Eine OP-Methode, die bei sportlichen Menschen mit großen Kniegelenken eine hohe Stabilität bringt, ist die Doppelbündel-Technik“, sagt Univ. Doz. Dr. Thomas Müllner, Vorstand der Abteilungen für Orthopädie und Traumatologie am Evangelischen Krankenhaus Wien (www.knieweh.at). „Das vordere Kreuzband besteht aus zwei sich kreuzenden Anteilen. Ein Bündel sorgt für den Halt nach vorne, das andere für Stabilität bei Drehbewegungen. Daran orientiert sich diese Technik. Arthroskopisch werden beide Bündel des gerissenen Kreuzbandes ersetzt. Die Fixation erfolgt am Oberschenkel über kleine Titanblättchen und am Schienbein über selbstauflösende Schrauben. Diese Technik kann aber nicht immer angewendet werden. Ist die Ansatzfäche des vorderen Kreuzbandes zu klein, wird eine anatomische Ein-Bündel-Rekonstruktion durchgeführt. Große Studien kamen wiederholt zu dem Ergebnis, dass die Zwei-Bündel-Technik objektiv zu einer verbesserten Stabilität führt.

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