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Die besonderen Belastungen beim Skifliegen

Oberösterreichische Nachrichten – 01. Oktober 2015

Die besondere Herausforderung beim Skispringen ist, alle mühevoll antrainierten körperlichen und geistigen Fähigkeiten in einem sehr kurzen Intervall, nämlich vom Zeitpunkt des Abstoßens vom Balken bis zum Aufsprung, abzurufen und zu einem perfekten Flugsystem zusammenzuführen. Eine zeitliche Spanne, in der viele Belastungen auf den Athleten einwirken. Auch wenn die Entwicklung der vergangenen Jahre weg vom unterernährten zum athletischen Springertypen (Stichwort BMI) begrüßenswert ist, so müssen die Sportler doch durch diätetische Maßnahmen ihr „Idealgewicht" halten. Berechnungen zufolge kann durch eine Reduktion des Körpergewichtes die Sprungweite um bis zu vier Meter pro Kilo verlängert werden. Die Auseinandersetzung mit der Waage ist für so manchen Athleten eine belastende Situation.

Auch das Krafttraining muss so fein abgestimmt werden, dass vor allem Schnell- und Maximalkraft gefördert werden. Tiefe Kniebeugen mit Langhanteln, die nahezu mit dem doppelten Körpergewicht beladen sind, belasten vor allem Knie und Wirbelsäule. Auch die Krafteinwirkung beim Aufsprung ist groß. Die Knieverletzungen von Gregor Schlierenzauer, David Zauner, Daniela Iraschko oder Jacqueline Seifriedsberger dokumentieren diese Gefahren.

Aber auch psychische Belastungen spielen eine große Rolle. Wie überall im Spitzensport sind es der unbändige Wille des Athleten zu siegen, die verlockenden Preisgelder, die Prämien der Sponsoren, der Druck der Öffentlichkeit, die eine mentale Belastung darstellen. Vor allem aber spielt auch der über Sieg und Niederlage mitentscheidende Einfluss von Wind und Schneefall bei dieser Sportart eine wichtige Rolle. Da ist es für den Sportler nicht so leicht, „bei sich zu bleiben", um am Schanzentisch das perfekte Timing zu erwischen.

Besonders groß ist die Belastung natürlich beim Skifliegen. Das wird nicht trainiert, daher ist die Überwindung, zum Teil Angst und nervliche Anspannung deutlich größer. Ein höherer Adrenalinspiegel sowie vermehrter Harndrang sind zu beobachten. Bereits kleine Fehler stellen ein Sicherheitsrisiko dar. Die physische und psychische Belastung ist durch das deutlich, höhere Anfahrtstempo, Landegeschwindigkeiten um 130 km/h und unbekannte Windsituationen sowie der hohe Luftstand auf manchen Anlagen deutlich größer. Wie gefährlich Skifliegen sein kann, zeigte der Sturz von Thomas Morgenstern im Vorjahr am Kulm, der dabei eine schwere Kopfverletzung erlitten hat und intensivmedizinisch behandelt werden musste. Gott sei Dank heilte die Verletzung ohne bleibende Folgen aus.

Abschließend seien die hohe Dichte der Weltcupveranstaltungen und Großbewerbe und die damit fehlenden Regenerationsmöglichkeiten als zusätzlicher Belastungsfaktor erwähnt.

Jürgen Barthofer (40) ist Arzt im UKH Linz. Er begleitet die ÖSV-Ski-springer seit dem Jahr 2008.
 

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